Mittwoch, 28. Oktober 2026

[Im Fokus] Fortive: Nach der Ralliant-Abspaltung soll Software für den nächsten Wachstumsschub sorgen. Nicht ganz unsexy, wie die Quartalszahlen zeigen. Und die erneute Prognoseanhebung...

Die Fortive Corporation entstand 2016 durch den Spin-off von Danaher und hat sich in den vergangenen Jahren zu einem spezialisierten Anbieter von industrieller Messtechnik, Software und Lösungen für das Gesundheitswesen entwickelt. Der Konzern verfolgt dabei eine Strategie, die stark an seine frühere Muttergesellschaft Danaher erinnert: Statt auf ein möglichst breites Produktportfolio zu setzen, konzentriert sich Fortive auf spezialisierte Nischenmärkte, hohe Margen und kontinuierliche Verbesserungen der operativen Abläufe. Das Fortive Business System (FBS) bildet dafür das organisatorische Fundament.

Ein wichtiger Einschnitt war die Abspaltung von Ralliant im Juli 2025. Das frühere Segment Precision Technologies wurde in ein eigenständiges Unternehmen überführt. Damit konzentriert sich Fortive heute auf zwei Geschäftsbereiche, die stärker von Software, Dienstleistungen und langfristigen Kundenbeziehungen geprägt sind. Das soll die Ertragsqualität verbessern und das Unternehmen weniger abhängig vom klassischen Investitionsgütergeschäft machen.
Ich beobachte Fortive schon seit dem Spin-off 2016, bin aber mit dem Geschäftsmodell nie so richtig warm geworden. Und die Kursentwicklung über mehr als 10 Jahre zeugt von einer "lost decade", denn es stehen gerade mal 28 % an Kursplus zubuche. Natürlich zuzüglich des Ralliant-Spin-offs. Dann läge die Rendite bei immerhin rund 70 % und kann sich durchaus sehen lassen. Je nach Betrachtungsweise zeigt Fortive verschiedene Gesichter...

Ein Geschäftsmodell zwischen Messtechnik und Software

Fortive verdient sein Geld mit Lösungen, die Unternehmen helfen, Anlagen zu überwachen, Prozesse effizienter zu gestalten, Risiken zu reduzieren und technische Geräte zuverlässig zu betreiben. Das Spektrum reicht von hochpräzisen Messinstrumenten über Sensoren und Sicherheitslösungen bis zu Software für das Gebäudemanagement, die Instandhaltung und den Krankenhausbetrieb.

Ein wesentlicher Vorteil ist die Verbindung von Hardware und wiederkehrenden Dienstleistungen. Wer Messgeräte von Fortive einsetzt, benötigt häufig auch Kalibrierungen, Wartung, Ersatzteile und ergänzende digitale Lösungen. Bei Softwareprodukten kommen Abonnements und Serviceverträge hinzu. Diese Erlöse sind für Fortive besonders attraktiv, weil sie über längere Zeiträume anfallen und weniger stark von einzelnen Investitionsentscheidungen abhängen als der Verkauf neuer Geräte.

Das Management setzt auf dezentrale Strukturen und das Fortive Business System, um Produktivität, Qualität und Kapitaleffizienz zu verbessern. Hinzu kommen gezielte Übernahmen spezialisierter Anbieter. Fortive will dadurch nicht nur wachsen, sondern seine Marktposition in Bereichen ausbauen, in denen technisches Know-how, Zulassungen und langfristige Kundenbeziehungen hohe Eintrittsbarrieren schaffen.

Intelligent Operating Solutions: Der Wachstumsmotor

Der größte Geschäftsbereich ist Intelligent Operating Solutions (IOS). Hier bündelt Fortive unter anderem die Marken Fluke, Industrial Scientific, Accruent, Gordian, ServiceChannel und Intelex. Das Angebot reicht von professionellen Messgeräten und Gaswarnsystemen bis zu Cloud-Software für das Facility Management, die Instandhaltung und die Verwaltung technischer Anlagen.

Der Bereich profitiert davon, dass Unternehmen ihre Produktionsanlagen besser auslasten, ungeplante Stillstände vermeiden und die Arbeitssicherheit verbessern müssen. Digitale Lösungen können dabei helfen, Wartungsbedarf frühzeitig zu erkennen und technische Daten in konkrete Handlungsempfehlungen zu übersetzen. Auch künstliche Intelligenz eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, etwa bei der Fehlerdiagnose und der vorausschauenden Wartung.

Wie dynamisch sich das Geschäft entwickelt, zeigen die am 28. Oktober 2026 veröffentlichten Quartalszahlen. IOS steigerte den Umsatz im dritten Quartal auf 767,1 Mio. Dollar, ein Plus von 9,8 % gegenüber dem Vorjahr. Das organische Wachstum, das Übernahmen und Währungseffekte ausklammert, betrug 9,1 %. Das bereinigte EBITDA legte um 13,6 % auf 274,7 Mio. Dollar zu. Die operative Entwicklung ist damit erfreulich: Der Bereich wächst nicht nur kräftig, sondern verbessert auch seine Profitabilität.

Advanced Healthcare Solutions: Solides Wachstum, aber Margendruck

Der zweite Geschäftsbereich, Advanced Healthcare Solutions (AHS), konzentriert sich auf Krankenhäuser und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens. Zu den wichtigsten Aktivitäten zählen Sterilisationssysteme von Advanced Sterilization Products (ASP) sowie Softwarelösungen von Censis und Provation. Die Produkte unterstützen Kliniken bei der Infektionsprävention, der Nachverfolgung medizinischer Instrumente und der Organisation von Eingriffen.

Langfristig sprechen mehrere Trends für das Geschäft: Die Bevölkerung altert, die Zahl medizinischer Behandlungen steigt, und Krankenhäuser müssen strenge Hygiene- und Dokumentationsanforderungen erfüllen. Zugleich stehen viele Einrichtungen unter Kostendruck und verschieben größere Investitionen, wenn ihre Budgets knapp sind.

Im dritten Quartal 2026 stieg der Umsatz von AHS um 3,7 % auf 340,4 Mio. Dollar. Organisch lag das Wachstum bei 3,1 %. Das bereinigte EBITDA sank dagegen um 4,8 % auf 87,9 Mio. Dollar. Die bereinigte EBITDA-Marge ging von 28,1 %auf 25,8 % zurück. Während die Nachfrage nach Verbrauchsmaterialien und Software solide blieb, entwickelte sich das Geschäft mit größeren Investitionsgütern nur verhalten. Hinzu kamen höhere Wachstumsinvestitionen und ein Basiseffekt durch positive Sondereinflüsse im Vorjahresquartal.

Damit zeigt sich eine wichtige Unterscheidung: Der Gesundheitsbereich besitzt attraktive langfristige Wachstumsperspektiven, trägt kurzfristig aber weniger stark zur Gewinnsteigerung bei als das industrielle Software- und Messtechnikgeschäft.

Die Quartalszahlen: Umsatz und Gewinn legen zu

Auf Konzernebene fiel das dritte Quartal deutlich besser aus als im Vorjahr. Der Umsatz erhöhte sich um 7,8 % auf 1,108 Mrd. Dollar. Das organische Wachstum betrug 7,2 % und lag damit über dem Niveau des zweiten Quartals, in dem Fortive ein organisches Umsatzplus von 6,7 % erreicht hatte.

Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) stieg um 9,5 % auf 338,8 Mio. Dollar. Die entsprechende Marge verbesserte sich von 30,1 % auf 30,6 %. Der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte 0,77 Dollar, nach 0,68 Dollar im Vorjahresquartal. Das entspricht einem Zuwachs von 13,2 %.

Der nach US-Rechnungslegung ausgewiesene Gewinn aus fortgeführten Geschäftsbereichen belief sich auf 172,5 Mio. Dollar beziehungsweise 0,57 Dollar je Aktie. Im Vorjahr waren es 117 Mio. Dollar beziehungsweise 0,35 Dollar je Aktie. Die Vergleichbarkeit wird allerdings durch Sondereffekte beeinflusst, weshalb für die operative Entwicklung auch die bereinigten Kennzahlen wichtig sind.

Auch beim Cashflow zeigt sich die Stärke des Geschäftsmodells. Der Free Cashflow aus fortgeführten Geschäftsbereichen belief sich im dritten Quartal auf 283,8 Mio. Dollar. Auf Sicht der vergangenen 12 Monate waren es rund 1,06 Mrd. Dollar. Damit verfügt Fortive über finanziellen Spielraum, um in neue Produkte zu investieren, Übernahmen zu finanzieren und Aktien zurückzukaufen.

Und diesen Spielraum nutzte das Unternehmen: Im dritten Quartal flossen rund 300 Mio. Dollar in Aktienrückkäufe. Seit dem Start der neu aufgestellten Fortive nach der Abspaltung von Ralliant summierten sich die Rückkäufe auf etwa 2,3 Mrd. Dollar. Solche Maßnahmen können den Gewinn je Aktie zusätzlich erhöhen, sofern sie zu vernünftigen Bewertungen erfolgen.

Ausblick: Fortive hebt die Gewinnprognose an

Das Management blickt nach den starken ersten neun Monaten zuversichtlicher auf das Gesamtjahr. Die Prognose für den bereinigten Gewinn je Aktie wurde auf 3,10 bis 3,14 Dollar angehoben. In der Mitte der Spanne entspricht das einem Wachstum von rund 15 % gegenüber dem Vorjahr.

Für die kommenden Jahre wird entscheidend sein, ob Fortive das Wachstum im Softwaregeschäft weiter beschleunigen und gleichzeitig die Margen verbessern kann. Besonders das Segment Intelligent Operating Solutions bietet dafür gute Voraussetzungen. Die Digitalisierung industrieller Prozesse, höhere Anforderungen an die Arbeitssicherheit und der Bedarf an effizienter Wartung sorgen für strukturelle Nachfrage. Künstliche Intelligenz könnte diesen Trend verstärken, indem sie Messdaten besser auswertet und zusätzliche digitale Dienstleistungen ermöglicht.

Auch im Gesundheitsbereich sind langfristig steigende Umsätze möglich. Hier muss Fortive allerdings zunächst zeigen, dass sich das Wachstum wieder stärker in steigenden Gewinnen niederschlägt. Die zuletzt rückläufige EBITDA-Marge ist ein Hinweis darauf, dass steigende Umsätze allein nicht ausreichen.

Risiken bleiben zudem durch die weltweite Konjunktur, Handelskonflikte und Zölle bestehen. Hinzu kommt die Bewertung: Qualitätsunternehmen mit hohen Margen und wiederkehrenden Erlösen werden an der Börse häufig mit einem Aufschlag gehandelt. Bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück, kann das den Aktienkurs entsprechend belasten. Fortive hatte in den letzten Jahren öfter damit zu kämpfen, dass die zu hohen Erwartungen schwer zu erfüllen waren.

Meine Einschätzung

Fortive hat den Umbau nach der Ralliant-Abspaltung bislang gut bewältigt. Die jüngsten Zahlen belegen ein beschleunigtes organisches Wachstum, steigende bereinigte Gewinne und einen kräftigen Free Cashflow. Besonders erfreulich ist die Entwicklung im Segment Intelligent Operating Solutions. Gelingt es, diesen Wachstumsmotor weiter auszubauen und zugleich die Profitabilität im Gesundheitsgeschäft zu stabilisieren, sind weitere Gewinnsteigerungen realistisch.

Die angehobene Jahresprognose ist dafür ein positives Signal – sie nimmt allerdings auch einen Teil der Erwartungen an die künftige Geschäftsentwicklung vorweg. Noch kann ich mich nicht zu einem langfristigen Engagement durchringen, aber Interesse meinerseits besteht durchaus.

Disclaimer: Habe Danaher, Fortive auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot.

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