Sonntag, 19. April 2026

Kissigs Kloogschieterei: Biste wirklich schon bereit für die Inflationsdruckbetankung?

Die Stimmung an den Börsen hat sich wieder gedreht, nachdem am Golf nicht mehr geschossen wird. Der S&P 500 durchbrach erstmals die 7000er-Marke und markierte eine neues Allzeithoch, während der Fear-and-Greed-Index innerhalb von nur zwei Wochen vom Zustand "extremer Angst" ins "Gier-Terrain" hochschnellte. 

Doch es herrscht (nur) eine trügerische Ruhe, denn eine endgültige Einigung zwischen den USA und dem Iran ist weiterhin in weiter Ferne. Währenddessen nimmt die Earnings Season in den USA Fahrt auf und Anleger hoffen auf Antworten – doch die werden die Zahlen (noch) nicht liefern. Denn der wirkliche Hammer trifft uns erst in den nächsten Monaten. Und da kommt richtig was auf uns zu…

Der Golfkrieg hat erhebliche Zerstörungen angerichtet und die gehen weit über eine – vorübergehende – Sperrung der Straße von Hormus hinaus. Qatar Energy hat seine LNG-Produktion aufgrund massiver Zerstörungen an der Infrastruktur heruntergefahren und rechnet mit einer Reparaturzeit von bis zu fünf Jahren. Dieses LNG, das vor allem für Asien bestimmt ist, aber auch in der Energievision Deutschlands und der EU eine zentrale Rolle spielt(e), fehlt dem Weltmarkt nun.

Es geht dabei um gewaltige Dimensionen: Wir erleben derzeit die größte Unterbrechung der Energieversorgung in der jüngeren Geschichte. Seit Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar wurden dem Weltmarkt mehr als 500 Millionen Barrel Rohöl und Kondensat entzogen. Damit ist seit Beginn des Iran-Kriegs vor fast 50 Tagen die weltweite Rohölproduktion um einen Wert von rund 50 Milliarden Dollar zurückgegangen. Das entspricht der Menge an Treibstoff, die benötigt wird, um die internationale Schifffahrtindustrie vier Monate lang am Laufen zu halten. Ein noch nie dagewesener Angebotsschock!

Aber es ist nicht nur das Öl selbst, es geht um viele Neben- und Folgeprodukte, die fehlen (werden). Wie Helium, das als Nebenprodukt bei der Gasgewinnung abfällt, und zu einem erheblichen Teil aus Katar stammt. Linde als größter Heliumanbieter der Welt hat bereits Mengen rationiert und die Preise massiv angehoben. Ebenso ist der Preis für Düngemittel hochgeschossen und in den USA erzielen lebende Rinder Rekordpreise – die Burger werden also demnächst deutlich teurer. Welche erschütternden Folgen dies auf die Geschäftsergebnisse von McDonald's haben kann und wird, haben wir 2022 erlebt. Und da sich die Energiepreise kräftig erhöht haben, schnellen auch die die Kosten für alles und jeden in die Höhe und zwar in mehreren Wellen. Momentan zuckt die Inflationsrate nur, aber in den nächsten Monaten werden wir massive Anstiege bei den Produzentenpreisen sehen (also bei den Unternehmen), was dann an die Kunden/Verbraucher weitergegeben wird in FOrm von Konsumentenpreisen. Hier tut es dann zunehmend weh, denn die Lebensmittelpreise (und anderes) verharren ja seit 2022 bereits auf einem schmerzhaft hohen Niveau. Aber da bleiben sie leider nicht. Die Inflation naht!

Dabei geht es nicht nur um Preiseffekte, sondern und wirkliche Mangellagen. Asien rationiert Energie, Benzin wird überall auf der Welt spürbar knapper. Das liegt auch daran, dass mit Rohöl nichts anzufangen ist – es muss erst raffiniert werden. Und jede Ölsorte hat ihre Vor- und Nachteile und benötigt unterschiedliche Raffinerieprozesse – und am Ende werden Ölprodukte mit unterschiedlichen Qualitäten erzeugt. Ein Engpass bei dem einen kann nicht durch die Mehrproduktion von einem anderen ausgeglichen werden. Und so warnen europäische Fluglinien vor Kerosinknappheit bereits in den nächsten Wochen.

Durch die Ausfälle bzw. massiven Einschränkungen der Golfproduktion gleich mehrere Flaschenhälse, die die globalen Liefer- und Versorgungsketten stören. Als Kollateralschaden dieser Mangellagen schießen dann auch zusätzlich die Preise in die Höhe. Zudem werden allerorts (politische) Forderungen laut, Lagerbestände aufzubauen. Auch das haben wir 2022 erlebt. In Knappheitszeiten wird dadurch die Angebotsseite zusätzlich in die Höhe getrieben und damit auch die Preise. Um dann später zu einer Überflusslage zu führen, in der die Preise dann mangels Nachfrage kollabieren. Für die Produzenten ist das ein gewaltiges Problem, da sie nicht einfach einen Schalter umlegen können, um mehr zu produzieren. Sie müssen Produktionsanlagen errichten, deren Kosten in die Milliarden gehen, und die sich über 20, 30 oder 50 Jahre amortisieren (müssen). Solche Investitionen fassen die Unternehmen also nur an, wenn die Nachfrage absehbar hoch bleibt und nicht, wenn sie nur einen Nachfragepeak von ein oder zwei Jahren erwarten.

Wer sich erinnern möchte, wie dieses Boom-and-bust-Szenario eine ganze Industrie niederstreckt, braucht nur in die Corona-Phase 2020/21 zurückzublicken, als Medizintechnik und -equipment in rauen Mengen geordert wurde, um Testkapazitäten aufzubauen. Als Corona dann seinen großen Schrecken verlor, brach die Nachfrage massiv ein - und zwar für Jahre. Denn die Unternehmen hatten riesige Lagerbestände aufgebaut, die in den nächsten Jahren sukzessive abgebaut wurden. Hier prallte eine implodierende Kundennachfrage auf viel zu große Lagerbestände, was eine doppelten Nachfrageeinbruch auslöste, der den Herstellern massive Probleme bereitet(e) - denn ihre neue errichteten Fertigungskapazitäten wurden nicht mehr benötigt und die älteren waren auch nicht mehr ausgelastet. Danaher, GE Healthcare, Thermo Fisher leiden daher seit Jahren unter einer mauen Nachfrage und das Business dieser einstiegen Börsenlieblinge hat sich bis heute nicht wieder erholt - und ihre Aktienkurse haben in dieser Zeit auch keine Freude bereitet.

Meine Einschätzung

Es kommt ein neues 2022 auf uns zu. Nicht genauso und in alles Facetten, denn einige Rahmenbedingungen unterscheiden sich. Aber im Großen und Ganzen kennen wir die Einschläge, die auf uns einprasseln werden. Auch wenn viele diese Gefahr noch ausblenden und bei jeder kurzfristigen Entspannungsmeldung sofort Entwarnung geben. Aber lösen tut das keines der Probleme, die sich da aufschaukeln.

Und auch für Anleger bietet bloßes Aussitzen keine gute Lösung. Sie müssen sich schon aktiv um ihr Depot kümmern und abchecken, ob und wie sturmfest es positioniert ist. Neben dem KI-Impact (also dessen negative und/oder positive Folgen für/auf das Unternehmen) sollte man gleichzeitig die Auswirkungen der Mangellagen und des Inflationshammers unter die Lupe nehmen.

Da ist reichlich zu tun, aber Löcher im Deich kann man sich nur leisten, bevor die Sturmflut heranrollt. Es wird ein aktiver Prozess. Buy & Hold wird die beste Strategie sein, um die aufziehenden Turbulenzen möglichst unbeschadet zu überstehen. Nachdem (!) man sein Depot sturmfest gemacht hat. Also die potenziellen Verlierer der Entwicklungen lieber ausmisten und stattdessen (nur) auf absehbare Gewinner setzen und/oder Unternehmen, die sich anpassen können und werden.

Was nicht bedeutet, dass deren Aktienkurse nicht auch unter Druck geraten können. Denn das werden sie, wenn die Stimmung hochkocht und die Börsen wieder von Panik ergriffen werden. Doch mit den richtigen Unternehmen im Depot kann man sich dann weitgehend entspannt zurücklehnen und deren Management die Arbeit übernehmen lassen. Man selbst muss dann nur ggf. mal etwas Feintunig betreiben, falls sich herausstellt, dass man eine Entwicklung doch etwas zu optimistisch oder pessimistisch eingeschätzt hat. Aber nur dann...

Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig

Disclaimer: Habe Danaher, GE Healthcare, Thermo Fisher auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

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